Richter & Brook Kriminalroman “Fluch und Sühne” erschienen bei Pandion in Simmern/Hunsrück 1899 im fiktiven Hunsrückort Schlehweiler: Die 19-jährige Clara Sophie Bernauer tritt nach Ostern ihre erste Stelle als Lehrerin an. Als sie ihre neue Umgebung erkundet, stößt sie auf dem Friedhof auf das markante Grab von Lenchen Schmidt. Clara Sophie erfährt, dass das geistig behinderte Mädchen vor zwanzig Jahren vergewaltigt und ermordet wurde. Und wie so häufig, wenn von außen jemand in einen Dorfverbund hineinkommt, setzt auch die attraktive und kluge Clara Sophie einen dynamischen Prozess in Gang. Plötzlich ist das Verbrechen an Lenchen wieder präsent. Die verschworene Gemeinschaft von damals beginnt zu bröckeln. Es geschieht wieder ein Mord. War das Opfer Mitwisser oder Täter? Zeigt der Fluch von Lenchens Mutter Wirkung und werden alle an der Tat direkt oder indirekt Beteiligten doch noch ihren Preis zahlen? ISBN: 978-3869110561 Preis: 9,80 € LESEPROBE: Nachdem Clara Sophie ihre Sachen ausgepackt und ihr Zimmer bezogen hatte, saß sie wieder unten in der Stube bei ihren Wirtsleuten. Der kleine niedrige Raum wirkte erstaunlich hell. Die Wände waren weiß getüncht. Den einzigen Wandschmuck bildete ein Hochzeitsphoto der Hausherrin und ihres verstorbenen Mannes. Werner Hartnagel saß in einem einfachen Lehnsessel und seine Schwägerin auf einem kleinen gepolsterten Sofa aus dem gleichen schlichten hellen Holz wie die Möbel im Obergeschoss. Durch die vielen Kissen aus bunten selbstgewebten Stoffen wirkte die Stube freundlich und anheimelnd. Emma Hartnagel reichte Clara die "Hunsrücker Zeitung" mit den Worten, sie warte jedes Mal ungeduldig auf die Fortsetzung des Criminal-Romans "Schuld und Sühne" - nicht von Dostojewski, wie Clara einen Moment lang annahm, sondern von dem ihr bisher unbekannten Gustav Höcker. "Ich bin ja mal gespannt, ob dem Bösewicht Duprat am Ende das Handwerk gelegt wird!", seufzte die Krämersfrau mit wohligem Schaudern. Clara las die an diesem Tag erschienene Folge und kam zu dem Urteil, dass Gustav Höcker keine ernst zu nehmende Konkurrenz für Fjodor Dostojewski war. Eine Stelle erregte jedoch ihre Aufmerksamkeit. Der Schurke Duprat erwähnte einem Baron gegenüber eine englische Redensart von einem "Skelett im Hause" und meinte: "Jedes Haus hat ein solches, was sagen will, daß in jeder Familie irgendwo ein Geheimnis steckt, welches der Familienehre wegen streng bewacht werden muß." Sie las die Stelle laut vor und kommentierte kopfschüttelnd: "Bei uns zu Hause wüsste ich nichts von einem Skelett - weder im Keller noch auf dem Speicher noch sonstwo." "Vielleicht gibt's ja nicht eins in jeder Familie", erwiderte Emma Hartnagel mit vielsagendem Blick. "Aber bestimmt in jedem Dorf! Warten Sie nur, bis Sie Bekanntschaft mit den Schlehweiler Skeletten gemacht haben!" "Die lassen wir lieber unter dem Schlamm des Dorfteichs ruhen und rühren nicht weiter dran", brummte ihr Schwager im Hintergrund. Clara hörte nur mit halbem Ohr hin. Auf derselben Seite hatte sie Nachrichten gefunden, die ihre Aufmerksamkeit mehr fesselten als der drittklassige Fortsetzungsroman. Der Pariser Kassationshof hatte das Gesuch der Frau Dreyfus verworfen und sie zu 100 Francs Geldbuße verurteilt. Mittlerweile war es über vier Jahre her, dass der französische Offizier Alfred Dreyfus zu Unrecht beschuldigt und auf eine Sträflingsinsel verbannt worden war. Als Tochter eines getauften Juden verfolgte Clara die Affäre mit Empörung und Anteilnahme. Ihr war die auch in Deutschland zunehmende antisemitische und nationalistische Stimmung nicht verborgen geblieben und sie teilte die Überzeugung, dass Dreyfus das Opfer einer judenfeindlichen Intrige geworden war. Eine andere Nachricht löste in ihr jedoch Zufriedenheit und Genugtuung aus: Die Verhandlungen im Reichstag um die Zulassung von Frauen zu den medizinischen Prüfungen der Zahnärzte und Apotheker stünden kurz vor dem Abschluss, las sie. Die überwiegende Mehrzahl der Bundesstaaten sei dafür. "Es darf nicht verschwiegen werden, daß sich in medizinischen Kreisen eine scharfe Gegnerschaft gegen die Zulassung der Frauen geltend macht", meinte der Redakteur, setzte jedoch hinzu: "Anderseits ist aber auch bekannt, daß weibliche Aerzte in Laienkreisen mit großer Freude begrüßt werden würden." Clara Sophie legte die ansonsten nicht sehr ergiebige Zeitung beiseite. Werner Hartnagel hatte auf dem kleinen Spieltisch bereits das Damespiel aufgebaut und blickte sie erwartungsvoll an: "Haben Sie Lust auf eine Partie vorm Schlafengehen?" "Gerne, warum nicht?" "Also, wenn sie schon aus dem Englischen übersetzen, dann doch wenigstens richtig!" Victoria Görlich faltete die dünne Zeitung zusammen und legte sie energisch beiseite. Ihr Mann schaute fragend von Victor Schultzes "Archäologie der altchristlichen Kunst" auf, in der er gerade las. "Dieser Criminal-Roman taugt so wenig wie die anderen Fortsetzungsgeschichten in der 'Hunsrücker Zeitung'. Aber bei allem Englischen bleibe ich nun mal hängen. Hier unterhalten sich zwei Personen über eine englische Redensart, jede Familie habe ein Skelett im Haus." "Wie unappetitlich!" "Aber wahr! Doch es heißt eigentlich: 'skeleton in the closet' - das Skelett ist im Schrank versteckt und liegt nicht offen irgendwo im Haus herum, so dass jeder darüber stolpert." "Vicky, hast du einmal einen Liebhaber heimlich in einen unserer Schränke gesperrt und ihn dann darin vergessen?" "Nein, John, das hätten wir gerochen." "Jede Familie hat so ein Skelett … Interessanter Gedanke!" "Oder zumindest jedes Dorf." Der Pfarrer nickte nachdenklich. "In Schlehweiler hat es sogar einen Namen: Lenchen …"